[Geburtstagsmonat] Jürgen Albers – Wie ‘Crossroads’ entstand

[Geburtstagsmonat] Jürgen Albers – Wie ‘Crossroads’ entstand

Ehrlich. So ganz genau, weiß ich es nicht mehr. Also wann die
Idee zu Crossroads kam.

Ich hab mal Neuere Geschichte im Nebenfach studiert. Aus
Neigung. Geschichte hat mich immer fasziniert. Warum Dinge passieren. Warum
eins zum anderen führt. Und was wir daraus lernen können.

Was mich aber immer am meisten fasziniert hat, waren die
Folgen der “großen Ereignisse” auf die kleinen Leute. Ich habe da ein
Lieblingsbuch. Das ist “Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch” von Alexander
Solschenizyn. Ein Tag im Leben eines einfachen Zimmermanns in einem
sowjetischen Straflager, verurteilt zu 25 Jahren Zwangsarbeit. Ein einfacher
Mann, erfasst im Strudel der Weltpolitik. Die Idee saß fest. Was passiert mit
dem einfachen Menschen, wenn ihn die Weltgeschichte erfasst?

Irgendwann, bei einer Recherche, bin ich wieder auf die
deutsche Besetzung der britischen Kanalinseln gestoßen. Eine Arabeske der
Geschichte, nicht mehr. Aber da war wieder der Gedanke des kleines Mannes. Und
plötzlich war er da: Der Funken. Die Idee. Eines Mordes, exakt in dem Moment,
in dem die staatliche Ordnung zusammenbricht. In dem Bomben fallen, Menschen
sterben, der Krieg seine grausige Ernte hält.

Ich habe 2011 angefangen zu schreiben. Nein, halt. Falsch. Ich
habe 2011 angefangen, an dem Roman zu arbeiten. Über eine zurückliegende Zeit
schreibt man nicht einfach so. Schnell merkte ich, wie schwierig es ist, über
bzw. in einer Zeit zu schreiben, die man nicht aus eigenen Erfahrungen kennt.
“Sie zog ihre Lippen mit dem Lippenstift nach.” Einfacher Satz? Nein.
Seit wann gibt es funktionierende Lippenstifte? Na… irgendjemand eine Idee?
Und glänzend roter Nagellack? Ja? Ab wann? 1920? 1940? 1950? Und damit begann
ein gewaltiger Mahlstrom von Fragen. Welche Mode galt 1940? Was trugen Herren,
was Damen? Wie sah Schmuck aus? Schuhmode? Welche Zigarettenmarken waren en
Vogue? Autos? Witze? Worüber lachte man 1940? Was bewegte die Menschen? Sport?
Was stand auf dem Speiseplan? Da möchte man einfach einen spannenden Roman über
die 40er Jahre schreiben und plötzlich hat man hundert, nein tausend Fragen.
Okay, man kann das alles weglassen. Neutral schreiben. Zeitlos. Aber ist das
dann authentisch? Kann man die Atmosphäre dann glaubhaft schildern, ohne Mode,
Essen, Gewohnheiten, ohne Hintergrund? Ich meine nein. Ich kann und will meine
Romane nur so schreiben. Ich bewundere Ken Follett, einen der kraftvollsten
Schriftsteller unserer Zeit. Nicht nur wegen der spannenden Stories, den
interessanten Charakteren, sondern auch wegen seiner akribische Recherche. Ja,
man kann auch ohne, aber ich wollte immer so schreiben wie er: mit viel
Hintergrund und Atmosphäre.

Ich recherchierte viel und schrieb wenig und nach ungefähr
einem Jahr neigte sich das Verhältnis. Ich brauchte weniger Recherche und
schrieb mehr. Irgendwann war der erste Entwurf fertig. Irgendetwas bei 600
Seiten stark. Dann begaben wir uns, mein Buch und ich in die Hände einer
Lektorin. Ich kann und will nicht alles erzählen, aber nach dem Lektorat war
die Geschichte glatter und ich hatte etwas mehr als 200 Seiten rausgeschmissen.
Ja. 200. Mehr als ein Drittel der Gesamtstory und zwei komplette
Nebenhandlungen fielen dem Lektorat zum Opfer. Ich habe sie noch. Wer weiß,
wofür man sie wiederverwerten kann 😉 

Ich überspringe einige Punkte. 2012 kam es zur ersten
Veröffentlichung, die ein Reinfall war. Ich hatte keinerlei Marketing geplant
und das ist in einem Markt, in dem 20.000 Bücher pro Jahr erscheinen. Aus
heutiger Sicht idiotisch. Ein Sprichwort sagt: Geschäfte zu machen ohne
Marketing ist so, als winke man einem Mädchen bei stockfinstrer Nacht zu. Du
weißt, was du tust, aber niemand anders weiß es.

Es kam 2016, es kamen viele Gespräche mit Buchmenschen.
Buchhändlern, Bloggern, Verlagsmenschen. Viele rieten mir, das Buch zu
überarbeiten. Ohne zu ahnen, wie viel Arbeit das werden würde, begann ich.
Neues Lektorat, wieder ungefähr 100 Seiten raus und 100 neue Seiten rein. Liest
sich so schnell, gell? Hat mich Monate und endlosen Schweiß gekostet. Dann
testlesen mit lieben Buchmenschen, denen ich unendlich viel verdanke. Wieder
Korrektur, mehrere Kapitel noch einmal umschreiben. Dann nochmal Testlesen und
abschließend drei Durchgänge Korrekturlesen. Zweimal hat eine Korrektorin
gelesen, dann ich als letztes.

Während der Überarbeitung habe ich eine wunderbare
Cover-Designerin gefunden, Tina Köpke, die mir ein genial schönes Cover
gestaltet hat. Dann wurde noch die eBook-Variante angepasst und beide Versionen
konnten auf den Markt.

Wenn ich das alles noch einmal lese, scheint alles so geplant,
so mühelos. Letzteres war es nicht. Schreiben sei ganz einfach, hat Ernest
Hemingway mal geschrieben, man müsse sich nur an die Schreibmaschine setzen und
bluten. So ist es. Man blutet. Alles für die Hoffnung, dass die eigenen
Gedanken, die eigenen Worte für Euch, für die Leser Türen sein mögen, die Euch
in andere Welten entführen, die Vergnügen bringen.

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