[Geburtstagsmonat] Lily Konrad – Begegnung mit Sosso

[Geburtstagsmonat] Lily Konrad – Begegnung mit Sosso

Nach einer
Dienstreise, die mich ins Ausland geführt hat, bin ich auf dem Frankfurter
Rhein-Main-Airport gelandet. Da ich nur wenige Tage weg gewesen bin, habe ich
mein Auto am Flughafen stehen lassen. Wegen meines Jetlags bin ich froh, nun
einfach einsteigen und losfahren zu können, statt mich um den Zugfahrplan und Anschlussmöglichkeiten
kümmern zu müssen. Leider stelle ich beim Losfahren jedoch fest, dass mein Tank
fast leer ist. Daher fahre ich auf dem Heimweg an einer Tankstelle vorbei.

Es passiert
als ich zum Bezahlen gehe und den Verkaufsraum der Tankstelle betrete. Vor mir
steht ein Typ, dem man schon ansieht, dass mit ihm nicht gut Kirschen essen
ist. Er ist nicht besonders groß, sogar ein paar Zentimeter kleiner als ich,
aber er hat ein unglaublich breites Kreuz. Seine gedrungene Gestalt lässt ihn
wie ein Kraftpaket erscheinen. Sein Kopf ist kahlrasiert, die Hände hat er in
den Jackentaschen vergraben. Mein Blick gleitet nach unten zu seinen Füßen,
registriert die Springerstiefel. Der Typ ist ungeduldig, wippt auf den
Zehenspitzen auf und ab. In diesem Moment kommt eine junge Frau herein. Sie ist
ungefähr Anfang 20, einen halben Kopf kleiner als der Mann vor mir und
zierlich. Sie trägt Jeans, ein dunkelrotes T-Shirt und darüber eine mittelblaue
Fleecejacke. Ihre langen braunen Haare hat sie zu einem Pferdeschwanz gebunden.
Sie geht an allen vorbei, direkt zur Kasse, strahlt den Typ vor mir an, der
jetzt als Nächster dran wäre und fragt: „Ich muss dringend zur Arbeit. Wären
Sie bitte so freundlich mich vorzulassen? Ich mach auch ganz schnell.“

Mir bleibt fast das Herz stehen. Das ist Lina, und der Kerl vor mir
ist ganz offensichtlich Sosso. Krampfhaft überlege ich, was ich tun soll. Die
Polizei kann ich nicht rufen, denn noch ist nichts passiert, wogegen sie
angehen könnten. Nur ich weiß, was nun geschehen wird, aber ich selbst käme
gegen den Mann niemals an. Da dreht er sich auf einmal zu mir um und schüttelt
den Kopf.

„Gedanken,
die einmal gedacht wurden, kann man nicht mehr zurücknehmen, Lily“, zischt er
mir zu. „Du weißt, dass es hier an der Tanke angefangen hat. Das Schicksal hat
seinen Lauf genommen. Es hat Lina und mich mitgerissen.“

Ich
erstarre, als er mich direkt anspricht. Seine Augen sind erschreckend kalt und
ausdruckslos.

„Ich könnte
sie vor dir warnen“, gebe ich halblaut und mit Blick auf Lina zurück. Diese
steht vorne am Tresen und schäkert mit dem Kassierer, während ich genau weiß,
was gerade in Sossos Kopf vor sich geht. „Vielleicht könnte ich auf diese Art
das, was passiert, verhindern.“

Er grinst
höhnisch. „Das glaubst du doch selbst nicht. Du hast es aufgeschrieben. Steht
alles in deinem Buch. Das kannst du nicht mehr ungeschehen machen.“

Lina hat
bezahlt und will mit einem fröhlichen „Vielen Dank noch einmal“ an Sosso vorbei
nach draußen zu ihrem Auto. Ich vertrete ihr den Weg.

„Lina“,
fange ich an, aber sie legt mir die Hand auf den Arm. Ihre warmen, braunen
Augen mustern mich mit einer Mischung aus Mitleid, Trotz und Resignation. „Lass
es gut sein, Lily“, sagt sie zu mir. „Du kannst es nicht mehr aufhalten,
geschweige denn rückgängig machen. Aber mach dir keine Vorwürfe: Es kommt so,
wie es kommen muss. Du trägst nicht die Verantwortung dafür, du hast nur die
Beobachterrolle.“

Ich will
widersprechen, ihr klarmachen, dass ich Lily bin und nicht Jimmy, aber da ist
sie schon zur Tür hinaus. Sosso wirft mir noch einen triumphierenden Blick zu,
ehe er bezahlt und Linas Verfolgung aufnimmt. Ich bezahle ebenfalls, verlasse
den Verkaufsraum, gehe zurück zu meinem Auto. Meine Gedanken drehen sich im
Kreis und es will mir einfach keine Lösung einfallen.

Hat Lina
recht? Habe ich tatsächlich nur die Beobachterrolle? Kann ich wirklich nichts
an dem ändern, was geschehen wird? Obwohl ich mitverfolgt habe, wie Sosso seine
Taten geplant hat, weiß ich trotzdem nicht, wo er oder Lina wohnen.

Als ich mich
umschaue, ist die Straße leer. Weit und breit kann ich kein Auto entdecken, das
aussieht wie das von Sosso oder das von Lina. Und ein Krankenhaus, in dem Lina
arbeiten könnte, gibt es hier genauso wenig wie eine Großbaustelle, die Sossos
Anwesenheit erklären würde. Hat mir meine Fantasie einen Streich gespielt?
Möglicherweise beflügelt durch meinen Jetlag? So wird es wohl gewesen sein.
Vorsichtig atme ich auf.

Jedenfalls
habe ich erst einmal genug von schrägen Typen und Gewalttaten. Wenn ich mich
das nächste Mal mit ihnen befasse, werde ich mich auf die Seite der Ermittler
begeben. Dann bin ich jedenfalls nicht so entsetzlich hilflos, wenn ich einem
Täter begegne.

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