[Geburtstagsmonat] Lily Konrad – Wie meine Geschichten entstehen

[Geburtstagsmonat] Lily Konrad – Wie meine Geschichten entstehen

Heute dreht sich alles um Lily Konrad. Ihre Bücher habe ich zum Teil bereits gelesen und mir haben sie gut gefallen. 🙂


Lily Konrad

Hallo,
ihr Lieben. Wie schön, dass euch meine Beiträge interessieren. Ich freue mich
sehr euch meine Arbeitsweise und meine Bücher heute ein wenig näher bringen zu
dürfen. Beginnen möchte ich mit einer Beschreibung, wie meine Geschichten
entstehen.

Eine
der Fragen, die Autoren am häufigsten gestellt werden, ist die nach der
Inspiration: „Woher holst du dir deine Ideen?“
Bei
mir ist das sehr unterschiedlich, aber eigentlich „hole“ ich sie mir nicht,
sondern sie finden mich. Da ist ein Satz oder auch eine Liedzeile, die ich
irgendwo höre oder lese, eine Person, die ich irgendwo sehe, eine Stimmung, die
ich wahrnehme – und plötzlich habe ich ein paar Bilder dazu im Kopf, die sich
zu Worten, dann Sätzen formen. Das ist der Anfang, etwa vergleichbar mit einem
Stück Faden, den man weiterverfolgen kann. Und wie bei Wolle gibt es ganz
unterschiedliche „Erzählfäden“: einfarbige und bunte, glatte und raue, solche
die endlos weiterzugehen scheinen und solche, die gleich wieder abreißen. Ich
suche mir die schönsten heraus und daraus werden dann meine Bücher.

Klingt
zu abstrakt? Okay, werden wir konkreter. Stellt euch vor, ihr sitzt in einem
Restaurant, draußen am Fenster hastet eine Frau mit langen kupferfarbenen
Haaren vorbei und plötzlich macht es in eurem Kopf „Ping“. Gerade so, als sei
eine Nachricht auf eurem Handy eingetroffen. Das wäre so eine typische
Situation, in der mich eine Idee findet. Oder besser: gefunden hat, denn diese
kurze Begebenheit hat sich genau so zugetragen. Die „Nachricht“, die ich dabei
empfangen habe, lautete in etwa so:
„Eine
kleine, zierliche Frau mit flammend roten Haaren betrat hastig das Café, blieb
hinter dem Eingang stehen und schaute sich gründlich um. Sie war auffallend
hübsch, aber sie wirkte müde und gehetzt. Ihre Bewegungen waren fahrig und
hektisch, sie sah blass aus und hatte tiefe, dunkle Ringe unter den Augen. Ihr
hellgraues Business-Kostüm und die weiße Bluse waren zerknittert und wirkten
so, als würde sie diese Kleidung schon seit mehreren Tagen tragen.“
Naja,
glücklich wirkt diese Frau nicht gerade, aber gerade das macht sie interessant.
Der nächste Schritt für mich ist dann herauszufinden, wer sie ist. Wie heißt
sie? Wo wohnt sie? Was hat sie für Eigenschaften? Sie trägt ein Businesskostüm?
Also kommt sie von der Arbeit? Was für einen Beruf hat sie? Warum ist sie so
müde und hat tiefe Ringe unter den Augen? Was will sie in dem Café?
Natürlich
muss ich Antworten auf alle diese Fragen finden, aber nur wenige davon werden ins
Buch aufgenommen. Für mich ist es wichtig, diese Frau genau kennenzulernen,
damit ich weiß, was sie empfindet, wie sie sich verhält und bewegt, wie sie spricht.
Nur so kann sie eine authentische Person in meiner Geschichte werden. Aber das
ist gewissermaßen mein Hintergrundwissen, auf dem die Handlung aufbaut. Nur die
wichtigsten Fakten schreibe ich dann auch ins Buch. Beispielsweise die Antwort
auf die letzte Frage: Was will diese Frau in dem Café?
„Nachdem
sie sich vergewissert hatte, dass niemand im Lokal war, den sie kannte, ließ
sie sich in eine der Bänke fallen, bestellte sich einen Cappuccino und starrte eine
künstliche Blume an, die vor ihr auf dem Tisch stand. Sie schaute nur noch stur
geradeaus, nicht nach rechts und nicht nach links, auch nicht, als die
Bedienung ihre Bestellung brachte. Kein Wort kam über ihre Lippen, stattdessen
nickte sie nur stumm, aber ohne die Kellnerin anzusehen.
Erst
als diese sich wieder entfernt hatte, zog die Frau langsam ein Handy aus ihrer
Handtasche. Es hatte den Anschein, als würde sie jede Bewegung unendliche Anstrengung
kosten, als sie den Blick von der Tischplatte vor sich löste und auf die
Tastatur ihres Handys richtete.
Schließlich
seufzte sie tief und tippte eine Nummer ein. Es dauerte eine ganze Weile, bis
ihr Anruf entgegengenommen wurde.
„`llo?“,
fragte eine verschlafene Männerstimme.

„Craig?“,
vergewisserte sie sich.
„Ja.“
„Ich
bin’s. Rena.“

Hah!
Damit ist auch gleich meine erste Frage beantwortet, denn nun hat sie einen
Namen. Rena. Heißt sie wirklich so oder ist das eine Abkürzung? Wer ist dieser
Craig? Und warum schläft der mitten am Tag? Also, als ich an dieser Stelle
angekommen war, wollte ich die Antworten auf diese Fragen unbedingt wissen. Ihr
auch? Dann lest weiter:

„„O,
hallo Süße.“ Kissen raschelten. Offensichtlich richtete sich der Mann am anderen
Ende der Leitung in seinem Bett auf.
„Tut
mir leid, dass ich dich um diese Zeit anrufe. Ich weiß, dass es in deinem Teil
der Welt jetzt mitten in der Nacht ist.“
„Halb
so wild. Ich habe nichts dagegen, dich bei mir im Bett zu haben.“
Trotz
allem musste sie lächeln.
„Das
klingt verlockend, Craig.“

„Wem
sagst du das.“
Sie
riss sich zusammen.
„Craig,
ich würde dich nicht anrufen, wenn’s nicht wichtig wäre.“
„Kann
ich mir denken. Er hat’s versiebt, nicht wahr?“
Sie
nickte, bis ihr einfiel, dass ihr Gesprächspartner das nicht sehen konnte.
„Ja,
Craig, hat er.“
„Ganz
oder nur teilweise?“
„Kannst
du dich ins nächste Flugzeug setzen und herkommen?“
„Oh.“
Nun klang er kein bisschen verschlafen mehr. „So dramatisch?“
„Nein,
Craig. In Wirklichkeit ist es noch weitaus schlimmer.“
„Ich
kümmere mich sofort um einen Flug. Und sobald ich weiß, wann ich bei dir sein
kann, sage ich dir Bescheid.“
„Das
ist … Danke, Craig.“
„Ich
würde alles für dich tun, Rena.“
„Ich
weiß, Craig. Danke.“
Aber
er hatte schon aufgelegt. Sie ließ das Handy sinken, legte den Kopf zurück und
schloss die Augen. Erst rollte eine Träne über ihre linke, dann eine über ihre
rechte Wange, danach zwei gleichzeitig. Schließlich war es, als sei ein Damm
gebrochen, und Rena weinte hemmungslos, aber ohne dabei einen Laut von sich zu
geben.“
Da
habt ihr ihn, meinen Erzählfaden. Einen bunten, stabilen, der zu einer
Geschichte führt, die ich euch in ganzer Länge erzählen werde. Denn spätestens
an dieser Stelle ist meine Neugier endgültig geweckt. Wer ist dieser Craig? Was
verbindet ihn mit Rena? Offensichtlich mögen sich die beiden, sind aber nicht
zusammen. Und wer ist „er“, von dem in dem Gespräch die Rede ist? Was hat er
versiebt? Himmel, was ist überhaupt passiert?

Antworten kommen mir erst beim Schreiben in den Sinn. Deshalb plotte ich solche
Geschichten nicht und ich schreibe nicht notwendigerweise chronologisch. Den
Fragen nachzugehen, ist für mich genauso spannend wie einen guten Film zu
schauen. Manchmal kann ich es gar nicht abwarten, wieder an mein Laptop zu
kommen um zu erfahren, wie es weitergeht. Das genau meine ich, wenn ich
behaupte: Ich schreibe, weil es mir Spaß macht.

Eine
Bekannte sagte kürzlich zu mir: „Du lebst in zwei Welten – in deiner
Fantasiewelt und in der Wirklichkeit.“ Das stimmt. Meistens sind es sogar mehr
als zwei, weil ich mehrere Geschichten gleichzeitig im Kopf habe. Und ich
genieße es, beliebig von einer in die andere wechseln zu können. Aber erst wenn
mir meine Leser in meine Fantasiewelt folgen und sich dort wohlfühlen, bin ich so
richtig zufrieden.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.