[Geburtstagsmonat] Monja Schneider – Zu Besuch bei meinen Protagonisten

[Geburtstagsmonat] Monja Schneider – Zu Besuch bei meinen Protagonisten

Ich stehe vor
einem hohen schmiedeeisernen Tor. Die Spitzen sind vergoldet. Eine Mauer umgibt
das Grundstück. Durch die Stäbe des Tores kann ich einen Garten erblicken, ein
gepflasterter Weg, eine breite Treppe, die zum Eingang eines Palazzos führt.
Vor dem Tor muss ich erst einmal zu Atem kommen. Der Weg den Hügel hinauf war
anstrengend, wenn auch schön gelegen, gesäumt von Pinien und Zypressen. Tief
atme ich ein. Dieser Duft … Ich wende mich um und blicke zurück.  Die Stadt liegt mir zu Füßen. Im Hafen liegen
die Schiffe friedlich in der Sonne. Die Segel sind eingeholt. Ruderboote fahren
zwischen den Lagern und den Handelsschiffen hin und her und löschen die Ladung.
Der Lärm im Hafen war ohrenbetäubend, als ich angekommen bin. All die
schreienden und fluchenden Matrosen und Hafenarbeiter. Doch hier oben ist es
still, ungewohnt still für jemand, der aus der modernen Welt in die Renaissance
gereist ist. All die Hintergrundgeräusche, die wir schon gar nicht mehr
wahrnehmen, Flugzeuge, stark befahrene Autostraßen. Hier höre ich nur den
Gesang der Vögel. Und Schritte hinter mir. Ich zucke zusammen und wende mich
um. Ein älterer Mann steht am Tor.
»Kann ich helfen,
meine Dame?« Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Ich habe ihn noch nie
gesehen, aber ich erkenne ihn sofort.
»Marco?«
»Gewiss, meine
Dame!«
»Ich habe ein
Treffen mit Principe Gabrielli vereinbart.«
»Ah – der Principe
erwartet Euch.« Marco, der alte, treue Majordomus, öffnet das Tor und lässt
mich ein.

Er führt mich auf
einem kleinen Seitenweg um den Palazzo herum in den Park. Auch hier sind Pinien
und Zypressen gepflanzt, Buchsbaum und vor allem Rosen, immer wieder Rosen.
Marco führt mich weit in den Park hinein zu einer Wiese. Zwei Männer stehen
sich dort gegenüber, den Degen in der Hand. Sie unterbrechen ihr Training, als
sie mich erblicken. Der eine legt den Degen zur Seite und kommt mir entgegen.
Ein breites Lächeln zieht über sein Gesicht. Principe Laurenzio Francesco
Victoriano Maria Daniele Gabrielli, den all seine Freunde nur Enzio nennen,
steht mir gegenüber. Er nimmt meine dargebotene Hand und küsst sie.

»Meine Autorin! Es
ist mir eine Freude, Euch auf meinem Anwesen begrüßen zu dürfen. Marco, bringe
unserem Gast eine Erfrischung.«

»Gewiss, Herr,
gewiss!« Der alte Diener schlurft davon. Principe Gabrielli reicht mir seinen
Arm. Ein wenig verlegen lege ich meine Hand darauf. Enzio ist schlank, einen
Kopf größer als ich. Seine langen dunklen Haare sind im Nacken zu einem Zopf
gebunden. Eine Narbe zieht sich über Stirn und Wange. Eigentlich müsste ich
mich dafür entschuldigen, oder? Ehe ich mich entschieden habe, beginnt Principe
Enzio das Gespräch.

»Ihr seid also den
ganzen weiten Weg gekommen, nur, um sie zu sehen? Nun, das verstehe ich.« Er
führt mich zurück in den Rosengarten. »Sie ist wirklich etwas ganz Besonderes.
Ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich bin, dass ich sie die Meine nennen
darf.«

Schon von weitem
nehme ich ihren Duft wahr. Eine purpurne Rose, die eine Laube völlig
überwuchert. Ich kann gar nicht anders, als meine Nase zwischen die Blüten zu
stecken. Der Principe beobachtet mich grinsend.

»Sie ist wirklich
etwas ganz Besonderes, eine seltene Züchtung. Wer einmal ihren Duft eingeatmet
hat, wird süchtig danach.« Einige Momente verweilen wir bei der Rose.

»Enzio!« Eine
junge Frau eilt vom Palazzo her auf uns zu, gekleidet in ein helles Kleid, den
Sonnenschirm dreht sie spielerisch in ihren Händen. Enzio blickt ihr lächelnd
entgegen.

»Und hier ist sie!
Die Frau, die Ihr mir zur Seite gestellt habt, meine Frau Autorin. Ich kann
Euch gar nicht sagen, wie dankbar ich Euch dafür bin.« Principe Enzio hat noch
nie viel Wert auf Standesregeln gelegt. Er umfasst seine Braut und küsst sie,
hier, mitten im Garten. Die beiden vergessen mich völlig. Dezent ziehe ich mich
zurück und lasse die beiden alleine.
Ich finde mich an
der Ligurischen Küste wieder. Häuser in Gelb und Rot, teils scheinen sie in den
Felsen zu kleben. Hinter mir hupt ein Auto. Schnell springe ich zur Seite. Ich
bin im Hier und Heute angekommen. Vor mir liegt eine kleine Bucht, das Meer
leuchtet azur, die Sonnenstrahlen funkeln auf dem Wasser. Am Ufer liegen einige
Boote, am Sandstrand haben sich ein paar Leute niedergelassen. Die kleine
Ortschaft ist noch nicht von Touristen überschwemmt. Bonassola – die Heimat
meines Fabio Castellani. Ich wende mich vom Strand ab und bummle durch die
Straßen, gönne mir ein Eis. Ach, das leckere italienische Gelato.
Fabios Elternhaus
liegt ein wenig abseits, in den Hügeln. Das Wohnhaus und gegenüber der
ehemalige Stall, der umgebaut wurde und nun Gästezimmer beherbergt. Fabios
Großvater war noch Fischer und bewirtschaftete ein Stück Land, besaß einige
Hühner und ein paar Schafe, eine Kuh. Fabios Eltern hatten auf ein Gästehaus
umgesattelt.
Während ich noch
vor der Einfahrt stehe und das Haus anstarre, kommt ein Jogger die Straße
entlang. Ein Mann Ende zwanzig, schlank, durchtrainiert. Er bleibt stehen und
starrt mich an.
»Frau Autorin?«
»Fabio Castellani?
Ich wusste gar nicht, dass du … ähm … Sie zuhause sind.«

»Bleiben wir doch
einfach beim Du! Du kennst doch sowieso jedes meiner Geheimnisse.« Er lächelt
breit. »Benvenuto! Komm doch mit herein.« Er legt einen Arm um meine Schultern
und zieht mich einfach mit. »Meine Eltern werden sich freuen. Und Fleur
sowieso.«
»Darf ich mir das
Grundstück näher ansehen? Ich bin neugierig …«
»Klar« Er führt
mich über den Hof. Das Grundstück ist größer, als es auf den ersten Blick
scheint. Hinter dem Gästehaus führt ein schmaler Pfad zu einem Garten mit
Olivenbäumen. Eine Bank lädt die Gäste ein, in dieser gemütlichen, stillen Ecke
auszuruhen. Am Rand des Gartens steht eine Scheune.
»Ein paar Schafe
hat mein Vater noch. Aber das weißt du ja.« Fabio grinst schelmisch und läuft
mit mir zu der Scheune hinüber. Die Schafe sind schon wieder in ihrem
Verschlag.
»Gib es zu, diesen
Ort wolltest du sehen …« Ich werde ein wenig rot. Er hat mich ertappt.
Unwillkürlich schaue ich nach oben, auf den Heuboden. »Genau, das ist der Ort,
an den ich mich mit Fleur zurückziehe, wenn ich einmal mit ihr alleine sein
will. Nur schade, dass meine Geschwister manchmal dieselbe Idee haben.« Wir
lachen beide bei der Erinnerung an das erste Weihnachtsfest, das Fleur und
Fabio miteinander verbracht haben.
»Komm, du musst
Fleur kennenlernen! Und meine Eltern. Sie warten sicher schon mit dem
Abendessen auf mich. Du bist eingeladen!« Ich kann diesem freundlichen Lächeln
nicht widerstehen. Auch wenn ich befürchte, dass ich von diesen
gastfreundlichen Menschen nicht so schnell werde loskommen können. Eigentlich
habe ich noch andere Protagonisten besuchen wollen. Naja, ein anderes Mal …

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