[Geburtstagsmonat] Nora Bendzko – Leseprobe Bärenbrut

[Geburtstagsmonat] Nora Bendzko – Leseprobe Bärenbrut

Nachdem ich mich als Autorin vorgestellt
habe, möchte ich nun etwas näher auf mein Schreiben eingehen. Genauer gesagt,
möchte ich euch mein nächstes Galgenmärchen präsentieren:

»Bärenbrut«.

Eine längere Kurzgeschichte,  die am 20. Juli als e-Book only veröffentlicht
wird. Nichts könnte die Geschichte besser beschreiben als sie sich selbst,
darum habe ich euch ein besonderes leckeres Stück Leseprobe rausgesucht –
bisher unveröffentlicht, versteht sich 🙂

Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen! Vorab
der Klappentext zum Blutlecken:

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Nie wird Thorben den Anblick seines toten
Vaters vergessen: zerfleischt von einem Bären.

Nachdem er den Schrecken des Krieges nur
knapp entronnen ist, baut er sich als Jäger ein neues Leben auf. Er heiratet,
bekommt einen Sohn. Doch die Menschen in seinem Dorf sind ihm gegenüber
misstrauisch. Ein Fluch soll auf seiner Familie lasten.

Als seine lang verschollene Mutter wieder auftaucht
und ihr der Tod ihres Mannes beigebracht werden muss, brodeln die Gerüchte von damals
wieder. Thorbens Vater sei nicht von einem Bären getötet worden, heißt es. Ein
Mensch in Bärenhaut habe die Bluttat begangen … ein Gestaltwandler.

Was ihn auch getötet hat, es lauert noch
immer im Dorf – und Thorben muss sich ihm stellen. Wenn nicht für seinen Vater,
dann um sich und seine Liebsten zu schützen.

Das Prequel zur preisnominierten Novelle
»Wolfssucht«: Eine dunkelfantastische Kurzgeschichte zur Vorzeit des
30-jährigen Krieges, angelehnt an das Grimm’sche Märchen »Der Bärenhäuter«.

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Leseprobe »Bärenbrut« [unveröffentlichte
Fassung]

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Alles brannte. Thorbens Augen, sein
Gesicht, die Welt um ihn herum. Er konnte sich nicht rühren, nicht schreien,
war dem höllischen Brennen hilflos ausgeliefert. Durch seinen Tränenschleier
sah er das Kanonenrohr, zerfetzt auf verrußtem Stein. Nicht nur das Geschütz
war zerrissen worden, auch die Zinne und einige seiner Kameraden.

Thorben lag da, im Schweigen des Todes,
selbst nicht tot – oder doch? Eine schwarze Angst grub sich in seine
Knochen, wie er sie noch nie in seinem Leben verspürt hatte.

»Na, Junge?« Ein Fuß trat neben ihn. Ein
unnatürlich klobiger Fuß, der den Stiefel regelrecht anschwellen ließ. Thorben
wusste sofort, wer vor ihm stand: Es war der Fremde, der ihm vor seinem toten
Vater erschienen war. »Willst du also den Soldatentod sterben?«

Die Angst wurde zu Grauen, fand einen Weg,
schmerzhaft durch Thorbens Hals zu kratzen: »Ich … ich sterbe nicht.«

Der Fremde kniete sich nieder, versenkente
seinen Schlangenblick in Thorbens Augen. »Doch, das tust du. Bist dem Tod aber
auch verzweifelt nachgejagt.«

Seine Worte vergifteten ihn bis aufs Mark:
Es stimmte. Thorben war die ganze Zeit dem Schatten seines toten Vaters
nachgelaufen. Nun, da er an der Schwelle des Todes stand, war sein Vater nicht
da. Hier gab es nichts. Nur Stille, auslöschendes Brennen, das irgendwann
selbst zu Nichts erkalten würde. Tränen liefen aus Thorbens Augen, vergingen
schreiend auf seinem Gesicht, das eine einzige Wunde war.

»Ich kann doch nicht einfach so sterben«,
wimmerte er. »Was … was hat mich überhaupt …«

Der Reisende unterbrach ihn: »Schau!«
Thorbens Sicht wurde plötzlich klar, obwohl das nicht möglich sein sollte. Er
sah die Festung und wie in ihr gekämpft wurde. Die christlichen Kämpfer wurden
gnadenlos von osmanischen Säbeln niedergemäht.

»Erlau wird fallen, Junge. Und du auch.«
Der Fremde bleckte die Zähne. »Tu es schon – sieh deinem Fall ins
Gesicht!«

Thorben wollte es nicht. Doch irgendeine
böse Macht hielt seine Augen offen, ließ ihn trotz Schmerz und Tränen nicht
blind werden. Er sah die osmanischen Krieger mit ihren vor Blutdurst verzerrten
Gesichtern. Und Thorben, der hier gebrochen lag, erkannte, dass er nicht mehr
Jäger war, sondern Gejagter. Wie ein Tier in der Falle, und wie ein solches
würde er abgeschlachtet werden.

»Was haste gesagt?«, fragte der Fremde.

Ja, was? Thorben hatte sein eigenes
Flüstern nicht bemerkt: »Ich will nicht … als Nichts sterben.«

»Verständlich. Wo du dir in deinem Dorf ein
neues Leben mit deinem Sold aufbauen kannst. Das Mädel dieses Bettlers könntest
du auch heiraten … Elfriede hieß sie, nicht? Willst du das alles? Willst
du gut und gierig leben?«

»Ja«, rief Thorben heiser.

»Ich soll dir also helfen, Junge? Dein
Leben retten? Und darf irgendwann zu dir zurückkehren, um Vergeltung dafür
einzufordern?«

»Ja, ja, ja!«

Der Schlangenäugige hielt ihm die Hand hin.
Thorben traute seinen Augen nicht: Darin lag der Holzring, den er vor vielen
Jahren verloren hatte. Dessen Gegenstück er Elfriede schenkte.

»Ich bin Sam Morgenstern – sag mir
deinen Namen und schlag ein.«

Thorben brach irgendwie saus seiner Starre.
Nicht nur seine verbrannte Haut schmerzte. Auch in ihm selbst schien etwas zu
verglühen, da er zitternd die ausgestreckte Hand und den Ring darin berührte:
»Thorben Jägerssohn.«

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