[Geburtstagsmonat] Susanne Esch – Der Savant von Innis Teil 1

[Geburtstagsmonat] Susanne Esch – Der Savant von Innis Teil 1

Hier stelle ich euch nun den ersten Teil der Innis-Dilogie, »Der Savant
von Innis«, vor.

Innis ist ein Planet, der der Erde ziemlich ähnlich ist, nur dass es
keine extremen Klimazonen wie bei uns die Wüsten oder Polgegenden gibt. Zwar
gibt es auch dort Jahreszeiten, also Jahresabschnitte, in denen die
Temperaturen insgesamt ansteigen oder abfallen, aber weder die »Winter« noch
die »Sommer« sind durch radikale Kälte oder Hitze geprägt.

Auf Innis leben zur Zeit der Handlung meines Romans zwei humanoide
Spezies:

Die Inari (Ureinwohner des Planeten) und die Airin (»Eroberer aus den
Tiefen des Weltalls).

Während die
Inari im Einklang mit der Natur leben, ihr Gemeinschaftssinn stark ausgeprägt
ist, sie einander die benötigte Hilfe durch »geben und nehmen« zukommen lassen
(Geld als Zahlungsmittel gibt es bei ihnen nicht), sind die Airin ein
hochtechnisiertes Volk, bei denen »Wirtschaftswachstum« und Effektivität die
alles überragenden Werte darstellen. Ihr Ziel ist es, die Urbevölkerung
entweder zu »bekehren« oder auszulöschen, um den Planeten Innis ihrem Imperium
einverleiben und besiedeln zu können.


Dem
Expansionsdrang der Eroberer setzen die Inari einen friedlichen, aber
hartnäckigen Widerstand entgegen. Immer wieder versuchen sie, den Airin ihre
Lebensweise verständlich zu machen, moderate Wege für beiderseitige Akzeptanz
und Toleranz zu finden – zum Teil erfolgreich, zum Teil auch nicht …

In diesen
unruhigen Zeiten wachsen Yuro und Solus, fernab der »rauen Wirklichkeit«, in
einem Kloster in den Grafilla-Bergen heran. Beide sind unter mysteriösen
Umständen als Kinder im Hayuma-Konvent gestrandet, und werden von den dort
lebenden Mönchen bestmöglich auf ihr zukünftiges Leben vorbereitet. Zelut, der
Prior, ein weiser, weitsichtiger Mann, erkennt schon sehr früh, dass in Yuro
mehr steckt, als das Offensichtliche. Mit Güte, Strenge und Feinfühligkeit leitet
er die beiden Jungen, die, dem immensen Altersunterschied zum Rest der im
Kloster lebenden geschuldet, eine innige Freundschaft geschlossen haben. Als in
Yuro mit Beginn der Pubertät immense Umbrüche stattfinden, immer deutlicher
wird, dass er den Drang, das Stift zu verlassen, kaum noch zu unterdrücken
vermag, lässt er den jungen Mann schweren Herzens gehen – und Solus mit ihm.

Und nun ein paar
kleine Leseproben:

1. Drei Tage waren sie
bereits unterwegs, und nicht einmal vom Gipfel des Kimoro aus war das Kloster
mehr auszumachen. Es war Yuro, selbst wenn er mit einigen Mitbrüdern in eines
der nahegelegenen Dörfer unterwegs gewesen war, nie bewusst geworden, wie
versteckt der Konvent lag. Er hatte die schützenden Mauern nie vermisst, denn
bisher war er immer mit dem Wissen um seine Rückkehr gegangen. Diesmal war es
anders. Es gab keinerlei Gewissheit – weder, ob sie finden würden, wonach sie
auf der Suche waren, noch, ob ihr Weg sie jemals wieder hierher führen würde.
Seit seinem Gespräch mit Zelut waren zwölf Tage vergangen. Gleich am
nächsten Vormittag hatte Solus den Prior über seine Entscheidung sowie die
anschließenden Beratungen unterrichtet.
»Ich werde eure Reise gründlich vorbereiten«, war die Auskunft des
Klosterleiters gewesen. »Dies wird etwa sieben bis neun Tage dauern, denn ich
muss eine wirklich plausible Erklärung finden. Auch Örim und Kadam brauchen
genügend Zeit, um euch entsprechend auszurüsten. Ich werde eure Mission, wie
alle wichtigen Dinge, nach einer der Abendmahlzeiten ankündigen. Wenn ihr das
Stift verlassen habt, werdet ihr auf euch allein gestellt sein.« Dann hatte er
ihn mit dem Abschiedssegen »Geh in Frieden, Solus« entlassen.
Die Tage zwischen dieser Unterredung und ihrem Aufbruch verliefen wie
alle anderen. Yuros Nächte waren teilweise mit Wanderungen, teilweise aber auch
nur mit Schlaf ausgefüllt gewesen, und als Zelut ihre Reise ankündigte, fühlte
er den Druck, der seit Monaten auf ihm lastete, endlich geringer werden.

2. Der Raum um Yuro
herum begann sich zu drehen. Er nahm gerade noch wahr, wie Solus seine Arme
ausstreckte, ihn auffing und behutsam zu Boden sinken ließ, bevor er in ein
völlig anderes Szenario eintauchte …
Gepeitscht von heulenden Sturmböen jagten schwarze Wolken über den
Himmel. Die Bäume bogen sich. Ab und zu nur blinkten die drei Monde zwischen
den zu Fetzen zerrissenen, wogenden Vorhängen hindurch. Riesige Regentropfen
prasselten auf die schon völlig aufgeweichte Erde. Blitze zuckten in
faszinierenden Formen übers Firmament, erhellten die Landschaft zu bleichen
Skulpturen, die wenig später erneut in der Dunkelheit versanken.
Trommelfellzerfetzendes Donnergrollen folgte, ließ die Erde erbeben. Des
Himmels gewaltige Schleusen schienen die Welt ertränken zu wollen, und die
begleitenden Gewalten der Natur erweckten den Eindruck, dem mit all ihrer Macht
Unterstützung angedeihen zu lassen.
Die im Unterholz verborgenen, schäbig anmutenden Unterkünfte, die kaum
die Bezeichnung ›Hütten‹ verdienten, ächzten unter den auf sie einwirkenden
Kräften, und die vereinzelt zwischen ihnen dahin huschenden Gestalten waren mit
den bloßen Augen kaum zu erkennen. Heulen und Schreie verbanden sich mit dem
Tosen des Windes, wurden ebenso hinweg gerissen wie die sich lösenden
Dachplatten, die mit irrsinniger Geschwindigkeit gegen die Stämme der Bäume
krachten.
Gespenstische Vorgänge fanden in den Baracken statt. Gedeckt vom Lärm
des Orkans ermordete eine Bande fanatischer Airin die Mitglieder dieser erst
kürzlich entdeckten Widerstandsgruppe. Nur wenigen gelang die Flucht, und das
grelle Licht der Blitze karikierte die davonhetzenden Gestalten zu
pechschwarzen Scherenschnitten.
Endlos zogen sich die Nachtstunden dahin. Erst gegen Morgen flaute der
Sturm ab. Die Wolkenwand riss auf. Zaghaft tasteten sich ein paar
Sonnenstrahlen in die pfützenstarrende, aufgeweichte Landschaft.
Das Lager war verwüstet, die Bewohner der Baracken ebenso tot wie die
Stille, die sich nun darauf niedersenkte.
Mit brennenden Augen sah der große schlanke junge Mann in das Chaos.
Sein Gesicht zuckte. Er presste das Kind, das er auf dem Arm trug, fest an
sich, drückte die Hand der dunkelhaarigen, ausgezehrt wirkenden, ebenfalls noch
sehr jungen Frau an seiner Seite. Dann drehte er dem Bild des Grauens ruckartig
den Rücken zu und ging festen Schrittes davon.

3. Oman tobte. Die
beiden Grauen, die sein Zorn traf, duckten sich unter der Wucht der auf sie
einprasselnden Beschimpfungen wie unter Schlägen. So geduldig ihr Chef gewesen
war, als es darum ging, ihnen die alte Experimentalreihe sowie die Wichtigkeit
des erfolgreichen Zugriffsverlaufs zu erklären, so aufbrausend, ungehalten, ja,
fast hysterisch gebärdete er sich nun, da das Objekt seiner Begierde, das er
sicher im Griff gehabt zu haben glaubte, sich ungehindert seiner Kontrolle
entzog.
Dieser Rotschopf trieb ihn schier in den Wahnsinn. Eiskalte Wut, wie er
sie das letzte Mal vor vielen Jahren empfunden hatte, raubte ihm nahezu den
Verstand.
Er, der ehemals abgebrühte, distanzierte, emotionslose Leiter der
Genforschungsabteilung, erbebte in grenzenlosem Zorn, der sich in sinnlosen
Anschuldigungen und derben Zurechtweisungen hemmungslos Bahn brach.
Hatte er sich Noron gegenüber noch mühsam zu beherrschen vermocht,
ergoss sich nun die gesamte Fülle angestauter Aggressionen über seine Helfer,
die schließlich, um sich ihm als willkommene Angriffsflächen zu entziehen,
eilig das Weite suchten.
Keuchend und nach Luft japsend fiel Oman daraufhin auf die Rücksitze des
noch immer an Ort und Stelle stehenden Schwebegleiters. Automatisch schlossen
sich die Türen, grenzten den Lärm der Umgebung aus. Noch immer brodelte es in
ihm.
Dass die Geistesgaben dieses Jungen ausgeprägter und vielfältiger waren,
als er auch nur zu hoffen gewagt hatte, war nicht zu übersehen, dass er sich
jedoch vollständig aus dem Netz, in das er ihn einst so sorgfältig eingewoben
hatte, befreien konnte, erlebte er wie die Verhöhnung all seiner Mühen. Dieser
Fakt war nicht nur ärgerlich, er war erschreckend, denn dadurch wurde Oman
erstmals das tatsächliche Ausmaß der Fähigkeiten der Inari bewusst.
Gleichzeitig erkannte er, dass das Ziel der Airin, dieses Volk zu
unterwandern, und letztendlich mit ihren eigenen Mitteln zu bekämpfen, nicht zu
realisieren war. Auch schlichen sich, seit er mit Galikoms Truppe unterwegs
gewesen war, und sich selbst ein Bild von der Lebens- und Verhaltensweise der
Inari hatte machen können, zunehmend Zweifel an der Richtigkeit des Vorgehens
›seines Volkes‹ in seinen Geist. Es gelang ihm immer seltener, diese vollkommen
zu ignorieren oder zu entkräften.
Wenn er sich, so wie jetzt – wofür er sich wiederum selbst verfluchte –
erst einmal auf diese Art Gedankenspiele eingelassen hatte, eröffneten sich ihm
mehr und mehr Argumente, die ihm den Widerstand des Urvolkes nachvollziehbar
machten und ihn den von den Airin geführten Eroberungsfeldzug kritischer zu
betrachten nötigten. Dieser Zwiespalt machte ihn fertig. Einerseits nämlich
empfand er ausgeprägte Bewunderung für die Gaben der Ureinwohner, und auch für
die absolute Friedfertigkeit, mit der sie sie handhabten. Andererseits hingegen
bemächtigte sich seiner eine unbändige Wut, wann immer er genau damit
konfrontiert wurde.
Abermals entfloh seinen Lippen ein kehliger Laut. Nein! Er wollte, er
durfte nicht abtrünnig werden! Krampfhaft rief er sich zur Ordnung, drängte die
aufrührerischen Überlegungen beiseite, kämpfte die aufkeimenden Sympathien
nieder. Es war, wie immer, ein zähes Ringen … aber letztendlich triumphierte
der ›alte Oman‹.
Noch war das Kind nicht in den Brunnen gefallen, wenngleich der
Speicherchip zerstört, und der Datensammler ihm wiederum entwischt war. Aber so
schnell gab er nicht auf. Das nächste Mal würde er selbst den Rotschopf in
seine Gewalt bringen und ihn nie, nie wieder entkommen lassen!
… und im
nächsten Beitrag geht es mit »Band 2« weiter …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.