[Geburtstagsmonat] Susanne Esch – Solus – Reise in die Vergangenheit

[Geburtstagsmonat] Susanne Esch – Solus – Reise in die Vergangenheit

Und hier nun mein letzter Beitrag, der »Solus – Reise in die
Vergangenheit« gewidmet ist.

Hier nicht zu spoilern ist unheimlich schwierig, aber ich hoffe, es
gelingt mir und macht trotzdem neugierig auf dieses Buch.

Der Klappentext verrät, dass seit dem Ende von Band 1 (ohne Epilog!)
acht Jahre vergangen sind.

Im Vordergrund dieses Buches steht, wie der Titel schon sagt, Solus.
Warum aber trägt er den Zusatz »Reise in die Vergangenheit«?
Das ist einfach zu erklären. 
Da dieser Band ja keineswegs geplant war, musste ich einen Einstieg
finden, der plausibel und nachvollziehbar ist. Im »Savant« erfährt man, dass
Solus so gut wie keine Erinnerung an seine Kindheit vor der Zeit im
Hayuma-Konvent hat. Des Weiteren bekommt man zwar einen Überblick über seine
ursprüngliche Aufgabe, was er jedoch tatsächlich erlebt hat, bleibt weiterhin
im Dunkeln.
Warum – so dachte ich mir – könnte nicht auch sein Gehirn auf eine extreme Stimulation hin Erinnerungen
freigeben, die bisher hinter einer undurchdringlichen Mauer verborgen waren?
Die Idee, diese Erinnerungen als Flashbacks zu installieren, die Solus
zeitweise der Realität entziehen, empfand ich als eine wunderbare Gelegenheit,
Yuro die Möglichkeit einer geistigen Rückführung in Betracht ziehen zu lassen,
um seinem Freund zu helfen.
Somit vermischen sich in diesem Roman Vergangenheit und Gegenwart,
werden persönliche Problematiken aufgeworfen und die Freundschaft der beiden
jungen Männer erneut auf eine harte Probe gestellt.

Hier nun eine Leseprobe die euch vermittelt, wie Solus in den Konvent
gelangte:

Das schrille
Pfeifen riss den kleinen Jungen aus dem Dämmerschlaf. Sein Körper war verbunden
mit Kabeln, Schläuchen, Pumpen … es klapperte und blubberte um ihn herum. Ein
Blasebalg bewegte sich rhythmisch auf und nieder. Die ein- und ausströmende
Luft zischte leise.
Unzählige Apparate meldeten zuverlässig jedwede
Unregelmäßigkeit. So auch diesmal. Sein Blutdruck war abermals unter die
Mindestgrenze gesunken.
Eilende Schritte
erklangen auf dem Gang, von dem sein in sterilem weiß gehaltenes Krankenzimmer
abging. Gläserne Wände ermöglichten dem Pflegepersonal, zu jeder Zeit einen
Blick auf den Patienten zu werfen. Nur kurze Zeit später stand ein ganz in grün
gekleideter Arzt am Bett des Kleinen, drückte den Knopf, der den Alarm
unterbrach, und sah mit undurchdringlicher Miene auf das Kind nieder. Fast
schon mechanisch zog er die Spritze mit dem blutdruckstabilisierenden Mittel
auf, drehte von einem der vielen Zugänge den Schraubverschluss herunter,
drückte die Flüssigkeit langsam und bedächtig in die Vene.
Wie lange würden
sie ihn wohl noch am Leben erhalten können? Sie hatten Order von ›ganz oben‹,
nichts unversucht zu lassen, aber mit jedem Tag, der verstrich, schwand die
Hoffnung des Stationsleiters, diesem Jungen Hilfe, geschweige denn Heilung bringen
zu können.
Die
Lungenentzündung hatten sie ganz gut in den Griff bekommen. Anfangs hatte es
sogar so ausgesehen, als spräche er gut auf die das Immunsystem aufbauenden
Präparate an, dann jedoch waren die ersten roten Flecken unter seiner Haut
aufgetaucht. Sie hatten sie genauestens untersucht, denn die
Krankenvorgeschichte des Sechsjährigen war hinreichend bekannt.

Seit etwa einem
Jahr war er, in immer kürzer werdenden Abständen, regelmäßiger ›Gast‹ in der
Klinik. Zu Beginn waren es keine besorgniserregenden Erkrankungen gewesen. Es
hatte nur wesentlich länger als bei Gleichaltrigen gedauert, bis er wieder
genesen war. Auch Verletzungen heilten zunehmend langsamer, obwohl es damit bisher
nie Probleme gegeben hatte.
Unzählige
Untersuchungen hatten indessen bestätigt, dass sich die Zusammensetzung seines
Blutes massiv veränderte. Das Immunsystem des Jungen war inzwischen fast
vollkommen zerstört, die roten Flecken erste äußere Zeichen massiver
Gefäßwandschädigungen, die innere Blutungen nach sich zogen.
Die Kapillaren
des Kindes wurden mit jeder Stunde poröser, und nichts, was die Medizin zuwege
brachte, konnte diesem Prozess Einhalt gebieten. Wenn die Wände größerer Venen
und Arterien rissen, würde der Junge qualvoll verbluten.
Er musste schon
jetzt unter unvorstellbaren Schmerzen leiden. Seit einer Woche war das Einzige,
das sie tun konnten, diese auf ein Mindestmaß zu reduzieren und ihn intravenös
mit Flüssigkeit und Nährstoffen zu versorgen.
Die Lider des
Jungen flatterten, seine Augen aber öffneten sich nicht. Ob er überhaupt noch
etwas von dem mitbekam, was um ihn herum vorging?
»Mama«, vernahm
der Grüngekleidete mit einem Mal die matte Stimme seines Patienten, »wo ist
meine Mama?«
Was sollte er
dem Kind antworten? Dass sie bereits auf dem Weg zu ihm war? Dass es nicht mehr
lange dauern würde, bis sie hier neben seinem Bett saß?
Die Wahrheit war
um so vieles grausamer, dass er schlucken musste. Ebenfalls von ›ganz oben‹ war
die Anweisung gekommen, die Frau über das Ableben ihres Sohnes in Kenntnis zu
setzen. Des Weiteren hatte man sie darüber informiert, dass die Leiche des
hohen Infektionsgrades wegen bereits im hauseigenen Krematorium eingeäschert
worden sei. Er würde seine Mutter nie wiedersehen.
Sie war weinend zusammengebrochen,
als der Stationsleiter ihr die Nachricht überbrachte, und noch einige Zeit
medizinisch sowie psychologisch in der Ambulanz betreut worden, bevor ihr
Lebenspartner sie abgeholt und nach Hause gebracht hatte. Auch ihm hatte man
die Trauer um den Verlust ihres Kindes deutlich angesehen, aber er hatte sich
mit viel Disziplin unter Kontrolle gehalten.
Irgendwo in den
Kellerfluchten wurden derweil unter strengster Geheimhaltung Vorbereitungen für
die Verlegung des Jungen getroffen. Nur der grüngekleidete Arzt wusste davon,
und auch, wohin man dieses sterbenskranke Kind bringen wollte. Zwar war die
Klinik die beste des gesamten Distrikts, aber …
Wieder stöhnte
der kleine Patient, und der Mediziner strich ihm behutsam über die eingefallene
Wange. »Halte durch, Kleiner!«, beschwor er ihn.
Der Name des
Jungen war in der Akte, die er bekommen hatte, geschwärzt gewesen. Was das
bedeutete, wusste der Mann nur zu gut. Da er den Jungen jedoch nicht permanent
mit »Du« anreden wollte, und seine kupferroten Haare das Einzige waren, das
irgendwie noch lebendig zu sein schien, hatte er ihn in Assoziation mit einer
rotglühend aufgehenden Sonne ›Fény‹ genannt. 
Er selbst hatte
ihn zwar erst vor vier Wochen kennengelernt, als er auf die Intensivstation
verlegt worden war, aber da er einst ebenfalls in das Projekt involviert
gewesen war, wusste er weit mehr mit den Daten der Akte anzufangen als alle
Kollegen.
Mit seinen
Eltern hingegen war er nie in Kontakt gekommen. Sämtliche Gespräche hatte der
Stationsleiter übernommen. Trotzdem war dem Arzt nicht ein einziges Wort ihrer
Unterhaltungen verborgen geblieben.
Die Geheimniskrämerei,
die um dieses Kind gemacht worden war, hätte gewiss auch seine Neugier bereits im Keim erstickt, wenn er, wie so viele, nur
Ausführender irgendwelcher Befehle gewesen wäre. Nach außen hin vermittelte er
exakt diesen Eindruck, tatsächlich aber … er musste seine Gedanken im Zaum
halten, denn noch war alles in der Schwebe.
Erneut musste
der Grüngekleidete schlucken. »Sie darf dich nicht mehr besuchen kommen«,
antwortete er schließlich leise. »Weißt du, du könntest noch kränker werden,
wenn sie auch nur irgendeinen Keim von draußen mit zu dir hereinbringt.« Das
war wenigstens nicht komplett gelogen.
Kaum merklich
senkte sich der Kopf des Jungen. »Verstehe«, hauchte er. Nicht einmal Tränen
glitzerten unter seinen Wimpern. Schon des Öfteren hatte der Arzt den Eindruck
gehabt, dass Fény viel genauer über seine Situation Bescheid wusste, als man
das von einem Jungen seines Alters vermutete.
Wieder zischte
es in der Schleuse, die den Durchgang zu seinem Zimmer bildete. Vier Männer in
steriler blauer Arbeitskleidung huschten lautlos in den Raum. Schnell und
fachkundig wurden sämtliche Apparate von der Stromversorgung der Klinik
abgekoppelt und in eine mobile umgesteckt. Noch einmal nickte der Mediziner dem
Jungen zu, dann schoben die Fremden das Bett samt diesen hinaus.

Alles war
bestens organisiert. Der Schwebegleiter wartete direkt vor dem gut getarnten,
geheimen Zugang, als die vier dunkel gekleideten Gestalten das Bett des Jungen
samt sämtlicher Geräte brachten. Das Kind schlief, wie es verabredet war.
Schell war es umgelagert, die Apparate sicher verstaut. Lautlos erhob sich das
Gefährt, durchdrang den Schutzschirm des Distrikts, dessen Lücke sich hinter
ihm sogleich wieder schloss.
Die Reise zum
einzigen Ort dieses Planeten, an dem der Junge möglicherweise Heilung erfahren
könnte, war angetreten. Während des Fluges wurden die Körperfunktionen des
Kindes noch einmal untersucht, mit der bestentwickelten Technologie
stabilisiert. Dann zog der Leiter des Unternehmens alle Nadeln, entfernte
jegliche Kabel und Schläuche.
Von ihrem
Zielpunkt aus würde der Transport von Einheimischen übernommen werden. Wie der
Leitungsstab das erreicht hatte, entzog sich der Kenntnis des Operationsbefehlshabers,
aber dieser war es gewöhnt, Befehle auszuführen, ohne diese zu hinterfragen.
Seine Aufgabe war es, das Kind im Wald von Darikon an einer ganz bestimmten
Stelle abzusetzen und sofort den Rückflug anzutreten.

Als der Junge
aus seinem künstlichen Schlaf erwachte, war es dunkel um ihn herum. Kein
Zischen, kein Plockern, nicht einmal das leise Tropfen der stetig laufenden
Infusion störte die ihn einhüllende Stille. Mühsam öffnete er die Augen. Er lag
nicht mehr auf der Intensivstation des Krankenhauses, auf der er die letzten
Wochen verbracht hatte.
Die Luft, die er
atmete, hatte nicht mehr den sterilen Geruch, den er so sehr hasste, und gegen
den er doch nichts hatte tun können. Hier duftete es nach … Wald, Erde, Moos …
Natur. Er musste träumen! Seit Ewigkeiten war er nicht mehr draußen gewesen.
»Er ist
aufgewacht«, hörte er unvermittelt eine sanfte Stimme sagen.
»Endlich!«,
seufze eine zweite.
»Vielleicht kann
er uns mitteilen, wer ihn hierher gebracht hat«, mutmaßte die erste.
»Du wirst es
wohl nie lernen«, stöhnte die zweite. »Niemand, den sie hierherbringen weiß,
wer es getan hat. Und keiner, der irgendwen bei uns ablegt, wird sich je zu erkennen
geben. Wir sind die ›Übergangsbegleiter‹. Man erhofft sich von uns all jene
Hilfe, die sie selbst nicht mehr zuteilwerden lassen können und vertraut auf
die Macht der gesegneten Quelle.«
»Du brauchst mir
das nicht immer wieder zu wiederholen«, lachte die erste Stimme. »Ich kenne die
Mythen ebenso gut wie du, und ich schütze das Geheimnis auf dieselbe Weise. Nur
Eingeweihte kennen die Wahrheit.«
Plötzlich
raschelte es, als würde ein schwerer Vorhang bewegt. Jemand glitt an seine
Seite. Eine warme Hand legte sich auf seinen Kopf.
»Du brauchst
keine Angst vor uns zu haben«, sagte die Stimme, die er als Erste vernommen
hatte. »Mein Name ist Liran. Ich bin einer der Geheimniswahrer. Sie haben dich
zu uns gebracht, weil sie hoffen, dass wir dir helfen können. Ich vermag nichts
zu versprechen, aber wir werden alles in unserer Macht stehende tun. Wie heißt
du, mein Junge?«
Das Kind starrte
weiterhin in die Dunkelheit, aber kein Laut kam über seine Lippen.
»Na ja, macht
nichts«, fuhr die Stimme wenig später fort, »wenn du ihn uns nicht nennen
kannst oder willst, werden wir dir einen geben. Hier, trink einen Schluck. Deine
Haut fühlt sich an wie Pergament – ein sicheres Zeichen, dass dir Flüssigkeit
fehlt.«

Vorsichtig wurde
sein Oberkörper angehoben und ein Becher an seinen Mund gehalten. Als die
ersten Tropfen seine aufgesprungenen Lippen berührten, öffneten sich diese
begierig. Nie vorher hatte der Junge etwas derart Köstliches getrunken –
jedenfalls konnte er sich nicht daran erinnern.

»Langsam«,
warnte ihn die Stimme, »zu viel in zu kurzer Zeit wird nur dazu führen, dass du
erbrichst.«
Er zwang sich,
in kleinen Schlucken zu trinken. Als das Gefäß leer war, schloss er abermals
die Lider und sank in den Schlaf zurück.
Ein beständiges
Schaukeln weckte ihn ein weiteres Mal. Es war hell, aber die Sonne schien ihm
nicht ins Gesicht. Ein Segel, das über seine Bettstatt gespannt war, schützte
ihn vor deren direkter Bestrahlung.
Diesmal fiel es
ihm nicht ganz so schwer, die Augen zu öffnen. Seine Wahrnehmung hingegen war
verschwommen, als sähe er alles durch einen Wasserfilm hindurch. Undeutlich
konnte er erkennen, dass dunklere Schatten an ihm vorbeizogen. Vor ihm bewegte
sich offenbar ein Tier, an dessen Seiten die Trage befestigt war, auf der er
lag. Auch hinter ihm vermutete er ein solches, denn wie anders war das gleichmäßige
Schaukeln zu erklären?
»Unser kleiner
Solus ist wach«, vernahm er die Stimme, die auch in der Dunkelheit schon zu ihm
gesprochen hatte. Abermals hielt ihm jemand einen Trinkbecher an die
aufgerissenen Lippen.
»Solus?« Fragend
wandte sich die zweite Stimme an die erste, deren Inhaber sich ihm als Liran
vorgestellt hatte.
»Diesen Namen
habe ich ihm gegeben. Er sagt nicht, wie er heißt, und irgendwie müssen wir ihn
doch nennen. Der Kleine hat wundervoll glänzende Haare … und goldene Augen. Was
also passt da besser?«
»Du warst schon
immer hoffnungslos romantisch«, lachte der Angesprochene. »Aber du hast recht.
Er sollte seine letzte Reise nicht als ein Namenloser antreten. Sie wird auch
so schwer genug für ihn werden.«
»Still, Naril!«,
fuhr Liran ihren Zwillingsbruder an. »Wenn du ihm schon hier jede Hoffnung
nimmst, brauchen wir unseren Weg gar nicht fortzusetzen. Das Wasser der Quelle
kann ihn nicht heilen, aber es hemmt seinen Krankheitsverlauf, wie auch du
unschwer erkennen kannst. Der Konvent hat einige der besten Tiefenheiler. Wenn
der Junge nur durchhält … Vielleicht hat er doch noch eine Chance.»
»Hältst du ihn
deswegen im Dämmerzustand?«
»Es ist die
einzige Möglichkeit, ihm weitgehende Schmerzfreiheit zu gewähren. Jede
Berührung, jede Bewegung muss ihm Höllenqualen zufügen. Sieh ihn dir doch an!«
Ein weiterer
Schatten beugte sich über ihn. »Armer kleiner Kerl. Bist du sicher, dass es
nicht gnädiger wäre, ihn in Frieden gehen zu lassen?«
»Wenn er denn
gehen wollte … aber er klammert sich mit einer Kraft an das Leben …«
»Dann sollten
wir zusehen, dass wir das Kloster schnellstmöglich erreichen«, lenkte Naril
ein.
Solus hatte
jedes Wort der Unterhaltung gehört, allein, verstanden hatte er nichts. Auch
brandete nun, da er wach war, das Feuer in seinen Körper zurück. Er krümmte sich,
wimmerte. Wieder legte sich Lirans Hand auf seine Stirn – und er versank in
tiefer Ohnmacht.

Solus träumte.
Er sah seine Mutter neben seinem Bett stehen,
fühlte, wie ihre Finger über seine Wange strichen, hörte ihr helles Lachen, als
sie ihn rüttelte und ermahnte, endlich aufzustehen. »Marjell wartet auf uns.
Wir wollten doch heute zusammen in den Tierpark gehen. Komm, du kleiner
Langschläfer. Sonst ist der Tag vorbei, ohne dass du ihm etwas abgewinnen
konntest.«

Mit einem Satz sprang der Junge auf. »Warum hast du
das nicht gleich gesagt?«

Wieder lachte seine Mutter. »Wärst du dann
freiwillig aus den Federn gekrochen?«

»Tierpark«, nuschelte der Kleine, während er mit
dem Pullover kämpfte, dessen Kopfausschnitt allmählich zu eng für ihn wurde.
Dunkel erinnerte er sich, dass am Vorabend davon gesprochen worden war. Seine
Mutter hatte sich diesen Ausflug ausgedacht, damit auch er Marjell endlich
kennenlernen würde. Sie hatte bereits viel von ihm erzählt, Bilder gezeigt,
aber bisher hatte sie ihn nie mit nach Hause gebracht. Solus wusste nicht
recht, was ihn erwartete, was er sich unter dem Begriff ›Lebenspartner‹
vorstellen sollte, er war jedoch auch erst vier Jahre alt. Seit eineinhalb
Jahren besuchte er täglich das ›Haus der Entfaltung‹, wie alle Airin-Kinder
seines Alters. Er hatte nicht viele Freunde, nur Kenim und Tar spielten häufig
mit ihm. Eigentlich wäre er lieber mit diesen zusammen, aber den Tierpark hatte
er auch noch nie gesehen.

»Hier, Traumtänzer, trink deine Milch und iss dein
Brot, sonst knurrt dir nachher der Magen.« Seine Mutter packte ihren Rucksack …
und dann standen sie auch schon vor dem Lirona-Gehege.

Marjell war ein großer, gutaussehender Mann mit
pechschwarzen Haaren, dunkelblauen, aber strahlenden Augen und unzähligen
Lachfältchen. Er nahm Solus genauso neugierig in Augenschein wie dieser ihn.
Dann zogen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln auseinander. 

»Na, jetzt haben wir uns aber eingehend betrachtet,
nicht wahr? Ich denke, ich kann dich ganz gut leiden. Meinst du, wir beide könnten
miteinander auskommen?«

Solus legte den Kopf schief und dachte einen Moment
über das Gesagte nach. Marjell schien es ehrlich zu meinen. Zaghaft nickte er.

Es war der Beginn eines wunderschönen
Zusammenlebens gewesen. Marjell wurde sehr schnell zu dem Vater, den Solus
vorher nie gehabt hatte. Er rief seine Mutter liebevoll »Raiko« – und ihn
selbst »Tamin«.

Die kleine Familie hatte noch viele gemeinsame
Ausflüge, auch weite Reisen unternommen.

Der Mann und der Junge waren in den Wäldern
herumgestromert, hatten Asthütten, Baumhäuser und Erdhöhlen gebaut. Sie hatten
die Tiere in ihrem natürlichen Lebensraum beobachtet, mit Staudämmen und Wehren
so manchen Bachlauf verändert, Boote aus Rinde geschnitzt und diese in den
Fluten um die Wette fahren lassen.

Marjell hatte mit ihm zusammen Drachen gebaut, die
sie mit Begeisterung fliegen ließen. Er hatte ihn seine ersten Schwimmzüge
gelehrt und nächtelang an seinem Bett gesessen, als die ersten Fieberschübe ihn
schüttelten. Danach war es mit Solus’ einstmals robuster Gesundheit stetig
bergab gegangen. Der anfänglich leichte Schnupfen, der ihn zu Beginn seines
sechsten Lebensjahres kaum beeinträchtigt hatte, wollte und wollte nicht
weggehen. Trotz wochenlanger Medikation setzte er sich sogar auf die Bronchien,
weitete sich schließlich zu einer Lungenentzündung aus, die die Familie
erstmals nötigte, ein Krankenhaus aufzusuchen. Hier gelang es nach einem harten
Kampf, die Erreger zu eliminieren, sein Immunsystem zu stabilisieren und ihn
schließlich als gesund zu entlassen. Seither jedoch war er anfällig, musste
stärkende Medikamente einnehmen, sich schonen, Menschenansammlungen meiden.
Auch das ›Haus der Entfaltung‹ durfte er nicht mehr besuchen. Ein Privatlehrer
unterrichtete ihn zu Hause.

Marjell, der schon viel herumgekommen war, erzählte
ihm stundenlang Geschichten und vertraute ihm unter dem Siegel der
Verschwiegenheit sogar seine Kontakte und Erfahrungen mit den Einheimischen an.
Wie oft hatte er gesagt, dass diese ihm womöglich effektiver helfen könnten als
die beste Airin-Klinik.

Ein plötzlicher
Ruck riss ihn erneut in die Wirklichkeit zurück. Sie waren auf einer weiten,
von hohen Gipfeln umgebenen Ebene. Liran und Naril waren eben dabei, die Tiere
von der Trage zu befreien. Dabei war Liran der Tragebügel entglitten. Das war
der Grund für den Aufprall gewesen.
Solus fühlte,
wie die Schmerzen mit brachialer Gewalt in seine Gliedmaßen, seine Gedärme,
seinen Kopf zurückströmten. Das Wasser lief ihm aus den Augen, seine Lungen
kämpfen um jeden Atemzug.
»Schnell!«,
vernahm er Narils Stimme.
Diesmal
vermochte nicht einmal Lirans Hand die Qualen vollständig zu bannen. Er hörte
die Frau stöhnen, sah ihre wunderschönen Züge, die der seiner Mutter so ähnlich
waren, sich in Pein verzerren. Dann setzte das vertraute Schaukeln wieder ein,
begleitet vom Keuchen der Zwillinge.
So wenig der
Junge erkennen konnte, nahm er doch wahr, dass sie sich einen schmalen, steilen
Bergpfad hinauf kämpften. Unendlichkeiten schienen vergangen, als er das Pochen
eines schweren Klopfers gegen eine massive Holzpforte vernahm.

Außer der »Innis-Dilogie« gibt es von mir noch die beiden Fantasy-Romane
»Solifera – Sonnenbringerin« sowie »Die Rebellin von Koron«. Unter dem
Pseudonym »Erin Nerung« habe ich mich mit »Geliebte« zudem an einer
Liebesgeschichte versucht.

Wer mehr über mich und meine Werke erfahren möchte, kann sich gerne auf
meiner Homepage (http://www.susanne-esch.de/) und meiner
FB-Autorenseite (https://www.facebook.com/pages/Susanne-Esch-Autorin/1511872505710258?ref=hl) informieren.

Und hier sind noch einmal alle meine Werke in der Gesamtübersicht:

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