Magischer Themenmonat – Abseits des Mainstreams „Die Katze mit dem abgebissenen Ohr oder wie das Leben ist“

Magischer Themenmonat – Abseits des Mainstreams „Die Katze mit dem abgebissenen Ohr oder wie das Leben ist“

Heute geht es mit dem nächsten Beitrag weitere. Dieses Mal kommt Rebecca Buchwald zu Wort, die etwas über ihr Buch Die Katze mit dem abgerissenen Ohr oder wie das Leben so ist erzählt. Ich wünsch euch viel Spaß beim Lesen. 

___________________________________________________________________

Gastbeitrag: „Die Katze mit dem abgebissenen Ohr oder wie das Leben ist“: Abseits des Mainstream
Über die Geschichte der Parabeln von Rebecca Buchwald

Was bedeutet eigentlich das Wort „Mainstream“? Der Mainstream spiegelt, zumindest laut „Wikipedia“, den „kulturellen Geschmack einer großen Mehrheit wider, den Massengeschmack der Massenkultur“. Und so haben mir im Jahr 2016 die Verlage und einige große Literaturagenturen, denen ich mein erstes Manuskript zuschickte, geraten, es doch mal bitteschön mit einem „Roman“ zu probieren. Alles andere würde sich nicht verkaufen lassen. Meine „Schreibe“ sei ja gut, aber leider, leider, leider… kurze Texte würden nicht „gehen“ auf dem aktuellen Buchmarkt. Meine Parabeln waren offensichtlich kein „Mainstream“.

Aber wer sagt eigentlich, dass es deswegen dafür keine Leser gibt? Haben die Verlage das probiert? Und was würden die Engländer und Amerikaner tun ohne ihre geliebten „Short Stories“, die ja ebenfalls Kurzprosa sind?

Was nun? Was tun? Meine Texte waren definitiv kein Roman und ließen sich auch nicht in einen solchen verwandeln. Sollte ich das Geschriebene, was ich für gut und wertvoll befand, verwerfen? Nur, weil es angeblich nicht einem „Massengeschmack“ entsprach? Ich hatte Gleichnisse geschrieben, Gleichnisse über das Leben, über uns Menschen mit all unseren Fehlern, die uns liebenswert machen. Ich hatte zumindest dieses Mal kein Interesse daran, eine Geschichte über ausgedachte Personen, über „Peter“ oder „Dr. Winter“ oder „Fräulein Lisa“ zu schreiben, denen irgendetwas zustößt. Sondern ich wollte die Essenz dessen herausfiltern, was uns alle bewegt. Ich wollte über Sehnsucht schreiben, über das einsame Künstlerdasein, über die Liebe und all ihre Irrwege, über die Freundschaft, über Werte, Moral und über den Umgang mit Verletzungen. Und ich hatte es in eine Form gepackt, die so allgemeingültig sein sollte, dass sich jeder darin wiederfinden kann. Ich wollte, dass der Leser, der auf meine Parabeln stößt, denken würde: „Ja, das verstehe ich, das habe ich auch schon einmal erlebt.“

Und so fügte ich mich schließlich der Aussichtslosigkeit, die „Großen“ des deutschen Literaturbetriebs davon zu überzeugen und veröffentlichte mein erstes Werk im Selfpublishing. Die Resonanz, wenn ich auf Lesungen ging, war erstaunlich. Viele meiner Leser und Zuhörer haben mich darin bestärkt, dass sie etwas von sich selbst erkennen konnten in den Texten meiner „Katze mit dem abgebissenen Ohr“, und dass ich damit trösten konnte, wenn jemand traurig war. Wir alle machen im Laufe unseres Lebens ähnliche Erfahrungen. Insofern ist es doch legitim, das, was uns geschieht in diesem Leben, in allgemeingültige Sprache zu verwandeln, es poetisch auszudrücken. Nicht, eine unterhaltende Geschichte mit Happy End zu schreiben war mein Ziel, sondern unser Menschsein zu erfassen von der Gefühlsseite aus, mit all dem Licht und dem Schatten des Lebens. Beobachten wollte ich, nicht urteilen, aber ohne dabei zu sachlich zu werden, mit Empathie und mit… Liebe!

Weil „Die Katze mit dem abgebissenen Ohr“ jetzt drei Jahre alt wird und immer noch aktuell ist und bleibt, bekommt sie ein neues Layout bei tredition, sodass der Text mit den Illustrationen vor jeder Parabel noch schöner gesetzt aussieht.

Und weil ich auf diesem wunderbaren Blog einen Beitrag schreiben darf (danke, liebe Anna), bekommt nun Ihr, liebe Leser, noch eine kurze Parabel jenseits des Mainstream zu lesen. Sie handelt vom kleinen Fisch, der auf keinen Fall Lust hat, mit dem „Strom zu schwimmen“. Das passt doch zum Motto wie die Faust aufs Auge! Und hier ist sie, die Parabel. Ich wünsche viel Vergnügen! Eure Rebecca Buchwald

 

DER KLEINE FISCH (EINE GESCHICHTE ÜBER DAS SCHWIMMEN)

Es war einmal ein sehr junger Fisch. Er lebte in einem großen Fischschwarm, der sich langsam und majestätisch durch den Ozean bewegte.

Das, was ein junger Fisch in seinem Leben zuerst lernen muss, ist natürlich das Schwimmen. Normalerweise lernt ein Fisch das Schwimmen von ganz allein, aber wie in allen Dingen gibt es auch beim Schwimmen so allerhand Kunstgriffe, die die Fortbewegung in einem Fischschwarm erleichtern. Die älteren Fische gaben sich Mühe, dem jungen Fisch so viel wie möglich über das Schwimmen beizubringen.

Aber der junge Fisch stellte sich an wie ein Ziegenbock. Nie wollte er zuhören, wenn man ihm etwas erklärte. Alles wollte er alleine machen. Wenn seine Lehrmeister ihm beibringen wollten, wie man im Wasser nach links oder rechts schwimmt, im Gleichtakt mit dem ganzen Schwarm, da trieb der kleine Fisch nur Unsinn. Er schwamm, wie ihm die Flossen gewachsen waren und übte Pirouetten. Die Lehrmeister waren entsetzt.

Als der kleine Fisch älter wurde, gaben die anderen Fische es auf, ihm noch etwas beibringen zu wollen. Er war jetzt alt genug, dachten sie, und schwimmen konnte er auch, wenn er auch nicht so schwamm wie der Rest des Schwarms. Sollte er sich jetzt selbst um sein Futter kümmern! Bisher hatten die Fische den kleinen Fisch miternährt, denn das war so üblich unter den Fischen, solange die Fische klein waren.

Der kleine Fisch aber dachte im Leben nicht daran, sich um sein Futter zu sorgen oder sich in den Schwarm einzugliedern. Er wollte weiterhin nur so schwimmen, wie ihm die Flossen gewachsen waren, und noch mehr: Er wollte den anderen zeigen, auf wie viele unterschiedliche Weisen man schwimmen konnte! Er hatte zwar im Schwimmunterricht nicht aufgepasst, aber dafür hatte er selbst die unmöglichsten Arten zu schwimmen ausprobiert, ja, er wusste sogar, wie man auf dem Kopf, mit dem Bauch nach oben, schwimmen konnte. Das konnte so schnell kein Fisch nachmachen! Und es kam auch keiner so schnell auf die Idee. Und es hatte auch kaum einer Zeit dazu, denn die meisten Fische bemühten sich, im Gleichtakt mit den anderen Fischen zu schwimmen, und sie mussten sich ja auch um ihr Mittagessen kümmern. Außerdem: Welchen Sinn sollte es haben, mit dem Bauch nach oben zu schwimmen?

Trotzdem schwamm der kleine Fisch in den verrücktesten Stellungen und Haltungen, Kreiseln und Drehern den anderen vor der Nase herum und blubberte dabei: „Seht her, ihr Fische, so geht das Schwimmen!“ Man frage nicht, warum er das tat.

Die Fische wunderten sich. Die meisten schüttelten nur ihren Fischkopf und sagten: „Ich verstehe diesen verrückten Kerl nicht. Was macht der da?“ Und sie schwammen einfach weiter.

Andere Fische sagten: „Das sieht ja ganz nett aus, was der Kleine da macht. Aber er sollte sich lieber darum kümmern, etwas Futter zu suchen. Und im Gleichtakt mit dem Schwarm schwimmt sich auch besser. Das ist doch viel zu anstrengend!“ Und sie schwammen auch weiter.

Wahrscheinlich wäre der kleine Fisch verhungert, wenn es nicht ein paar wenige Fische gegeben hätte, die sagten: „Oh, das ist ja wirklich außergewöhnlich, was dieser Fisch kann, ich habe etwas Neues über das Schwimmen gelernt!“ Natürlich war das überhaupt nichts Neues, was der Fisch tat, die anderen Fische hatten bloß keine Zeit mehr dazu, sich selbst in allen Schwimmarten auszuprobieren, weil sie viel zu sehr damit beschäftigt waren, mit dem Schwarm zu schwimmen. Aber das wussten die anderen Fische nicht. Und so hatte der kleine Fisch manchmal Glück. Einige Fische erbarmten sich und gaben dem kleinen Fisch zwischen seinen ungewöhnlichen Vorstellungen ein bisschen von ihrem Futter ab.

Zugegeben, die Lebensweise unseres kleinen Fisches ist ungewöhnlich. Und er sieht immer ein wenig mager aus. Aber er ist glücklich. Und jeder muss so leben, wie es seiner Natur entspricht. Nicht alle Fische schwimmen im Gleichtakt mit dem Schwarm. Das steht auf jeden Fall fest.

 

Aus:
Rebecca Buchwald, Die Katze mit dem abgebissenen Ohr oder wie das Leben ist
tredition 2016
ISBN:
978-3-7345-7814-4 (Paperback für 9,99 Euro)
978-3-7345-7815-1 (Hardcover für 14,99 Euro)
978-3-7345-7816-8 (E-Book für 2,99 Euro)
Kontakt: rebecca-buchwald@web.de
Homepage: rebecca-buchwald.jimdo.com

___________________________________________________________________

Die Katze mit dem abgerissenen Ohr oder wie das Leben ist*
Die Tatsache, dass wir die Ereignisse in unserem Leben nicht immer unter Kontrolle haben, wurde selten so poetisch und vergnüglich in leichtfüßig daher kommende Gleichnisse verpackt. Mit welchem Blick schauen wir in diese Welt? Ist das, was wir tun, und das, was wir wollen, immer das Richtige? Wie positionieren wir uns gegenüber anderen? In den 13 Parabeln für den Nachttisch geht es um unsere Träume und Sehnsüchte, um Freundschaft, Liebe und Verantwortung, aber auch um äußerst fragwürdige und eingefahrene Handlungsmuster, kurz: um unsere eigene, wundervolle Unvollkommenheit. Lassen Sie sich von freundlichen Riesen und eigensinnigen Feen, neugierigen Katzen und tollpatschigen Fröschen zu einer Reise der besonderen Art verführen. Die kurzen Episoden sind perfekt als Nachttischlektüre vor dem Schlafengehen geeignet. Oder man liest sie zu anderen Zeiten an anderen Orten, vermutlich mit einem Schmunzeln auf dem Gesicht und voller Erstaunen über die Verhaltensakrobatik der ungewöhnlichen Hauptfiguren.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.