Themenmonat Protagonist – Elida aus Nebelwanderer

Themenmonat Protagonist – Elida aus Nebelwanderer

Heute geht es mit der nächsten Protagonistvorstellung weiter. Dieses Mal geht es um die Protagonistin Elida aus Nebelwanderer von Aline Stuart. Am Ende des Beitrags der Autorin findet ihr den Klappentext zum ersten Band. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen. <3

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Gastbeitrag von Aline Stuart

„Hier ist es.“ Mit einer angemessenen Portion Skepsis im Blick, öffnet die Ärztin die Tür zu einem Patientenzimmer, nachdem sie leise angeklopft hat. „Ich gehe davon aus, dass sie noch etwas schlafen wird, das CT war unauffällig, aber ansonsten war nichts an ihr normal.“ Die schlanke Hand, geziert von mehreren Ringen und afrikanisch anmutenden Armbändern bittet mich, den Raum vor ihr zu betreten. Ich tue es mit einem leichten Schwindelgefühl. Wie perfekt ich diese Frau geschaffen habe und wie genau sie sich auch nach dem Bild verändert hat, das ich immer von ihr hatte! Sie hat es weit gebracht. Milena Beck, inzwischen Privatdozentin Dr. Dr. Milena Burke. Wow. Inzwischen ist sie Ende dreißig. In ihren dunklen Locken schimmern ein paar graue Strähnen, doch im Gegensatz zu mir scheint sie sie nicht zu färben.

„Wir haben ein Einzelzimmer für sie freigemacht, da wir nicht wussten, was sie vielleicht mitbringt“, unterbricht die Ärztin meine faszinierte Betrachtung ihrer Person. Sie tippt kurz auf einem kleinen Computerterminal herum, der mit vielen Kabeln an das hochmoderne Klinikbett und auch an die junge Frau darin angeschlossen ist. „Das CT war ohne Befund, Blutwerte normal, heute morgen war sie sogar kurzzeitig wach und orientiert.“ Erneut bittet die Hand mit den klappernden Armreifen mich, näherzutreten und ich folge der Aufforderung sehr vorsichtig. Sie wirkt blass und verloren auf ihrem weißen Krankenhauskissen, doch ich erkenne Elida Alvarsdottjer sofort.

„Wie ist sie hierher gekommen?“, entschlüpft es mir und die Ärztin zuckt die Schultern.  „Als man sie fand, irrte sie verkleidet und verwirrt durch die Fußgängerzone am Ballindamm. Eine Streife hat sie aufgegriffen und hierhergebracht, denn sie behauptete immer wieder, dass sie mit Ihnen sprechen muss.“ Ein interessierter und doch sehr zweiflerischer Blick aus blauen Augen huscht über mich. „Frau Stuart, vielleicht wäre es damit an der Zeit …“ Weiter kommt sie nicht, denn in diesem Augenblick reißt die Patientin die Augen auf und setzt sich sogar ruckartig aufrecht hin.

„Lasse! Wo ist Lasse?“, bringt sie heiser hervor und ihr Blick huscht gehetzt durch den Raum. Sofort ist die Ärztin an ihrer Seite und bettet sie sanft zurück auf das Kissen. „Sie hatten einen Schwächeanfall“, erklärt sie ruhig und sachlich und wechselt sofort ins Englische, da die junge Frau mit den wirren Haaren diese Sprache spontan angeschlagen hat. „Nichts was uns weiter besorgen muss, alle Ergebnisse waren unauffällig.“ Mit einer weiteren klappernd-resoluten Handbewegung winkt sie mich näher und ich bewundere erneut die Vollkommenheit einer meiner Protagonistinnen. „Das ist hier ist Aline Stuart, Sie sagten bei der Einlieferung immer wieder, Sie müssten sie sprechen. Nun haben wir sie ausfindig gemacht, fühlen Sie sich stark genug für eine Unterhaltung?“ Elida nickt sofort und ihre hellen Augen lassen mich nicht los. „Da brat mir doch einer nen Storch, du bist das also?“, flüstert sie und leckt sich die trockenen Lippen.

Unsicher, was ich darauf antworten soll, trete ich näher und nicke. Die Archäologin wirkt extrem erschöpft, doch sie lächelt plötzlich. „Dann habe ich es also tatsächlich noch einmal hierher geschafft!“ Sie schließt die Augen und rückt ihr Kissen zurecht. „Aline, du musst mir ein paar Fragen beantworten!“ Milena Burke hebt eine Augenbraue. „Sie beide kennen sich?“  Elida auf dem Bett entfährt ein leises Auflachen und sie reibt sich die Augen.

„Schau in den Spiegel, du kennst sie genauso!“ Irritiert huscht der Blick der Ärztin tatsächlich zu dem Spiegel über dem kleinen Waschbecken des Krankenzimmers hinüber. „Ich finde Sie beide ehrlich gesagt ein wenig kryptisch und auch seltsam, aber bitte, möchte mir eine von Ihnen vielleicht etwas erklären?“ „Ich habe euch beide geschrieben“, sage ich leise und betrachte Milena, deren Augenbrauen sich ungläubig heben. „Geschrieben? Sie meinen, sie haben uns beiden einen Brief geschrieben?“ „Nein, ich … ich habe Bücher geschrieben und ihr beide seid Charaktere daraus.“

„Und genau deswegen bin ich hier!“ Elida holt tief Luft und setzt sich aufrecht hin, um die Füße aus dem Bett zu schwingen. „Hör zu, ich habe nicht viel Zeit, denn ich muss zurück. Aber du musst mir ein paar Fragen beantworten!“„Was … was möchtest du  wissen?“ Leicht überfordert zeihe ich den Besucherstuhl näher heran und binde mir die Haare zurück. „Ich muss wissen, warum du es nicht zu Ende schreibst!“ Elidas Blick wird brennend und huscht zu Milena, die uns schweigend betrachtet. „Hat sie deine Geschichte fertig geschrieben?“

„Meine … meine Geschichte …? Ich verstehe nicht …“ Ungeduldig wedelt Elida mit den Händen. „Du hast ein ganz normales Leben, sie wirft es durcheinander, du musst irgendwie klarkommen, schlimme Dinge passieren, und am Ende wird alles gut? Hattest du  sowas?“ Milena lacht überrascht. „Hatte ich in der Tat. Aber seit der Hochzeit und seit … nach der Entführung und als Burke …“ Sie stockt und mustert mich mit neuem Interesse. „Du hast das alles geschrieben? Also mich und Riaan und Marius und Burke? Mein Leben, mein Arbeit, meine Liebe und … wow.“ Sie lässt sich auf die Kante des kleinen Tisches an der Wand sinken und verschränkt die Arme vor der Brust. „Musstest du mich derart beuteln?“, hakt sie dann sehr trocken nach. „Ich meine, du hättest mir doch auch Riaan gönnen können und gut ist! Warum hast du uns auseinandergebracht und Burke in mein Leben geworfen?“

„Wäre … wäre es denn interessant gewesen?“, bringe ich hervor, froh, dass sie so gefasst reagiert, obwohl ich selbst mich ein wenig fühle wie im falschen Film. Nachdenklich starrt die Ärztin auf den grauen Linoleumboden herunter und schmunzelt auf einmal.  „Wahrscheinlich nicht. Burke ist definitiv der interessantere Charakter und … nein, ich denke, ich wäre wohl nicht glücklich geworden, ohne ihn und meine Arbeit hier. Aber was ist mit ihr? Warum … warum hast du sie nicht fertiggeschrieben.“ Verlegen lockere ich mein Halstuch und weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.

„Ich habe im letzten Jahr den NaNoWriMo mitgemacht und die Geschichte praktisch zu Ende geschrieben“, setze ich dann an und blicke Elida wieder ins Gesicht. „Leider war ein Denkfehler darin und die Überarbeitung kostet mich enorm viel Zeit, daher … ich weiß aber inzwischen, wie es ausgehen muss, es ist nur sehr zäh!“ „Zäh?“ Erbost schnaubt Elida durch die Nase. „Es ist ZÄH? Weißt du, was zäh ist? Auf dieser Scheißburg zu hocken, zu warten, zu bangen und nicht zu wissen, ob ich meinen Mann je wieder sehe! Das ist zäh, verdammt! Du schickst mir Yannis zurück, mein Vater dreht sofort sein eigenes Ding. Dann die Sache mit dem Kind, meine Herren, was soll das alles! Ich warte sein Monaten auf Antworten und alles was ich bekomme, sind ein paar kleine Veränderungen! Darum musste ich mit dir sprechen. Ich will … nein, ich FORDERE von dir, dass du dich verflucht nochmal hinhockst und meine Geschichte sinnvoll zu Ende bringst, haben wir uns verstanden? Ich kann nicht länger mit dieser Ungewissheit leben!“

Vollkommen überfahren nicke ich und stehe mit weichen Knien auf. „Das mache ich“, flüstere ich heiser. „Ich setze mich noch heute dran.“

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Nebelwanderer*

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