Themenmonat Protagonist – Lhan und Mo aus Wintermaid

Themenmonat Protagonist – Lhan und Mo aus Wintermaid

Gefallen euch die Protagonisteninterviews genauso gut wie mir? Ich bin begeistert, was die Autoren bisher auf die Beine gestellt haben. Ich hoffe, dass es so weiter geht. Heute darf ich euch das Interview von Klara Bellis präsentieren, das sie zusammen mit Lhan und Mo aus ihrem Buch Wintermaid geführt hat. Das Buch kann ich euch übrigens empfehlen, denn ich habe es vor einiger Zeit bereits gelesen. Ich wünsche euch viel Spaß mit dem Interview.

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Gastbeitrag von Klara Bellis: Lhan und Mo aus »Wintermaid« im Interview mit der Autorin Klara Bellis

Die Autorin Klara Bellis hat ihre Protagonisten Lhan und Mo aus »Wintermaid« zum Interview in ihre Wohnung eingeladen. Es klingelt an der Tür. Schnell wirft die Autorin eine Playmobilfigur in die nächstbeste Zimmerecke. Die Interviewpartner sind eingetroffen. Deutlich früher als verabredet. Keine Zeit mehr, um aufzuräumen. Klara Bellis watet durch knöcheltiefe Spielzeugschichten und kämpft sich bis zur Haustür durch.

Vor der Tür steht Lhan, eine unscheinbare Frau in der Kluft einer Jägerin. Sie setzt ihre riesige Fellmütze ab. Braunes Haar fällt ihr bis auf die Schultern. Die junge Frau wirkt wie ein Mensch, der zu schnell erwachsen werden musste. Die hoch aufgeschossene Gestalt neben ihr heißt Mo. Ein Drohnenkrieger aus dem Heer der Ewigen Königin. Auf den ersten Blick wirkt sein Erscheinungsbild verstörend. Und was für seltsame Augen er hat! Erst auf den zweiten Blick erschließt sich die eigenartige Schönheit dieses Wesens, das aus einer anderen Welt zu stammen scheint.

Klara Bellis: »Kommt rein. Die Treppe hoch und dann … Vorsicht! Die Stufen sind ein bisschen gefährlich.«
Lhan: »Ich habe weitaus üblere Gefahren bezwungen als ausgetretene Treppenstufen.«
Mo: »Autsch! Das tat weh!« Er reibt sich den Fuß.
Klara Bellis: »Tut mir leid, ein Lego-Stein …

Mos Blick fällt auf den Kater der Autorin, der sich zum Gespräch dazugesellt hat. Er strahlt das Tier freudig an und beugt sich zu ihm hinunter.

Klara Bellis: »Nicht den Kater streicheln!«
Mo: »Aua!« Ungläubig starrt er seine Hand an, auf der ein blutiger Kratzer prangt.
Klara Bellis: »Ich hole ein Pflaster.«
Lhan: »Ich bin schlimmere Katzen gewöhnt, als dieses winzige Ding.«
Mo: »Da hat sie recht. Die Schneekatzen im Grauen Seng – das Hochgebirge, aus dem wir stammen – sind riesig. In eurer Welt haben die Menschen sie längst ausgerottet. Bei euch hießen sie Säbelzahntiger.«
Klara Bellis (reicht Mo zerknirscht das Pflaster): »Ich weiß auch nicht, warum die Menschen ständig irgendwelche Tiere ausrotten müssen.«
Mo: »Ich kenne das aus unserer Welt. Das Verrückte ist, dass wir dort bei einem Menschenvolk als Tiere gelten. Ein falscher Schritt und zack …!«
Lhan: »Wie oft soll ich denn noch um Verzeihung bitten? Ich dachte, wir hätten das geklärt?«

Mo: »Haben wir doch auch.« Er zwinkert fröhlich mit seinen riesigen Augen. »Aber wir sollen von unserer Welt erzählen, und das gehört nun mal zum Alltag.«
Lhan: »Mein Alltag sieht anders aus. Weißt du, wie sich das anfühlt, nicht als Mensch zu gelten, nur weil man eine Frau ist?« Sie schaut die Autorin vorwurfsvoll an.
Klara Bellis: »Also neulich war da so ein Amtsleiter, der hat mich ständig mit ›Kind!‹ angeredet, obwohl ich fast ein halbes Jahrhundert alt bin. Zuerst dachte ich, er bräuchte eine stärkere Brille. Aber jetzt, wo du es sagst, da denke ich …«
Lhan: »Da, wo ich herkomme, wirst du als Frau schlimmer behandelt als ein Schaf oder eine Ziege. Die Familien verkaufen ihre überzähligen Töchter auf dem Viehmarkt oder töten sie gleich nach der Geburt. Manchmal sogar, während sie im Bauch der Mutter heranwachsen. Allein die Söhne zählen als echte Nachkommen. Die Töchter sind nichts weiter als eine Last – oder eine Ware.«
Mo: »Und da, wo ich herkomme, spielt es absolut keine Rolle, welches Geschlecht jemand hat. Wir denken gar nicht darüber nach.«
Lhan: »Ihr seht ja auch alle gleich aus. Ich kann noch immer kaum Männlein von Weiblein unterscheiden, was die Ewigen betrifft.«
Klara Bellis: »Die Ewigen? Ach ja! Ich erinnere mich. So nennt sich Mos Volk.«
Mo: »Weil wir viel älter als die Menschen werden. Wenn sie uns nicht vorher umbringen.«
Lhan: »Mo! Hör auf!«

Mo: »Schon gut.« Er knufft Lhan freundschaftlich in die Seite. »Die Menschen nördlich des Grauen Seng nennen uns übrigens ›die Wissenden‹, weil wir den Geheimnissen der Natur nachspüren. Sie halten uns sogar für Götter!« Mo kichert schelmisch. »Nur für die Menschen aus dem Kaiserreich südlich des Gebirges sind wir Tiere oder Dämonen.«
Lhan: »Die Menschen aus meinem Volk würden ausflippen, wenn sie mitbekämen, welche losen Sitten bei den Ewigen herrschen. Stell dir mal vor: Das Kind von Mos Schwester Sell hat VIER Väter.«
Mo: »Und trotzdem hat Sell heute niemanden gefunden, der auf das Kleine aufpassen kann, sonst wäre sie zum Interview mitgekommen. Für uns ist das völlig normal, so viele Väter zu haben. Wer der biologische Vater ist, spielt keine Rolle. Hauptsache dem Kind geht es gut.«
Klara Bellis: »Aha …«
Lhan: »Und dann die Abtritte. In Mos Stadt sind die öffentlichen Toiletten mit Gold und Edelsteinen regelrecht zugepflastert. Die Leute dort haben keinen Sinn für kostbare Metalle und Edelsteine.«

Mo hält plötzlich ein rohes Ei in der Hand und steckt es sich in den Mund – samt Schale. Mit sichtlichem Genuss zerkaut er es.

Lhan: »Das Ei, das hat er vorhin auf dem Markt gekauft. Im Tausch gegen einen Diamanten, groß wie ein Kirschkern.«
Mo: »Die Glitzersteine fallen einfach so aus der Felswand. Und zum Glasschneiden brauchen wir nicht so viele Steine. Also tauschen wir sie gegen Eier bei den Menschen ein. Die Bauern freuen sich da jedes Mal wie verrückt.«
Lhan: »Und dann wundern sich die Ewigen, warum manche Leute sie für dumme Tiere halten.«
Klara Bellis: »Ich habe eine ganze Pappe Eier in der Küche. Echt bio. Falls du zufällig tauschen willst, Mo?«
Lhan (schaut die Autorin giftig an): »Will er nicht! Außerdem müssen wir los. Die Zeit drängt. Das Heer des Kaisers zieht gegen die Ewigen und als Drohnenkrieger muss Mo …«
Mo: »Wie viele Eier sind in der Pappe? Zehn, oder?« Er holt ein Säckchen hervor und kramt umständlich darin herum.
Lhan: »Moho! Lass das! Die Ewige Königin braucht unsere Hilfe. Wir müssen sofort gehen.« Sie zupft an seinem Arm.
Mo (steckt zum Bedauern der Autorin das Säckchen wieder weg): »Lhan hat recht. Das duldet keinen Aufschub. Es war schön, dass wir uns mal getroffen haben.« Mo und Lhan erheben sich vom Sofa.
Klara Bellis: »Vorsicht! Hier liegt überall Lego herum.«
Mo: »Autsch! Das war der andere Fuß.«
Klara Bellis: »Ein echtes Überlebenstraining für den Kampf gegen die kaiserlichen Truppen.« Sie lacht gequält.

Mo hinkt nach draußen. Lhan folgt ihm. Die Autorin winkt den beiden zum Abschied. Für den nächsten Besuch nimmt sie sich vor, mindestens zwei Pappen Eier vorrätig zu haben und gleich auf den Wohnzimmertisch zu stellen. Falls die Zeit wieder zu knapp werden sollte.

***

Lhan und Mo sind die Helden aus dem Buch »Wintermaid«, die unterschiedlicher kaum sein können. Auf vielfachen Leserwunsch arbeitet Klara Bellis derzeit an einer Fortsetzung der Geschichte. Und hier der Klappentext für alle, die »Wintermaid« noch nicht kennen.

Klappentext:
Ein heiliger Auftrag führt die Jägerin Lhan ins Gebirge. Als sogenannte Wintermaid soll sie den Winter bezwingen. Doch zwischen den Felsen lauert der Eisgeist, ein blutrünstiger Menschenfresser. Wenn es ihr gelingt, die Bestie als Jagdbeute ins Dorf zu bringen, wird sie als Winterbezwingerin gefeiert. Sollte sie scheitern, wird die Rache des Dorfes grausam sein. Schon bald wächst in Lhan der Verdacht, dass dies ihr geringstes Problem ist.

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